Rudi Dutschkes Enkel

Gestern hätte der geneigte Betrachter glauben können, der seit langem auf Außentermin vermutete Geist der 68er wäre nach Heidelberg zurückgekehrt.  Die kleine Pädagogische Hochschule wurde zum Schauplatz einer Studentenbewegung der besonderen Art.

Folgende Dinge waren an diesem denkwürdigen Tag anders als sonst:
Die Studierenden hatten den Haupteingang verbarrikadiert und präsentierten ein Transparent mit der Aufschrift „PH heute geschlossen. Programm im Innenhof“. Die in dieser Aussage schwingende Ambivalenz zog sich durch das gesamte Konzept der Aktion.  Ich habe doch noch ein Schlupfloch in das Gebäude gefunden und bin durch die annähernd leeren Flure Richtung Innenhof gegangen. Hier standen geschätzte 1000 Menschen und hatten bereits mit Zeltlingen, Kuchenständen, bunt bemalten Transparenten und einer musikalischen Untermalung durch orffsche Instrumente eine festivalähnliche Stimmung generiert. Das Pfingstwochenende warf seine Schatten bis in den Innenhof der PH voraus, ich war begeistert. Ich bahnte mir meinen Weg durch die Massen Richtung der eigentlichen Eingangssituation dieses Pädagogischen Tages der eigenen Art.

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Der Blick zurück bot mir ein Eingangsszenario, dass mich erneut stutzen ließ: Das Haupttransparent skandierte: „Wir forderen Mitbeteiligung und Errichtung eines Haushaltsausschusses“. Prima, wer unter diesem Spruch hindurch in den Innenhof ging, wußte wofür er sich engagierte, war nicht zufällig hier und wurde nicht für andere Zwecke missbraucht (z.B. zur Forderung, politische Gefangene in Südamerika freizulassen o.ä.). Aber warum diese sprachlichen Anleihen aus dem Repertoire des Arbeitskampfs, warum Mitbeteiligung und nicht Beteiligung oder Mitbestimmung? Warum Streik und nicht Protest?image816954634.jpg

Auch wir haben als Studenten in den 90ern zum Streik aufgerufen und sind auf Demos gegangen. Damals haben wir uns schon den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass wir gar nicht streiken können, da wir nicht zum Arbeiten in die Uni gingen sondern im Idealfall zum Lernen (zumeist verabschiedeten wir uns jedoch mit dem Satz: „Ich geh dann mal nach Hause – Lernen“). Diese begriffliche Unschärfe zwischen Streik, Protest und Bewegung birgt für die aktuelle Studierendengeneration jedoch eine zusätzliche Brisanz. Seit der Einführung der Studiengebühren gehen die Studierenden nicht nur nicht Arbeiten, sie bekommen auch nicht nur kein Geld dafür sondern bringen auch noch regelmäßig höhere Summen mit. Das Kapitalistenherz kann das vor Verzückung nur höher schlagen lassen, weiß es doch, dass früher oder später ein Teil der Absolventen doch Arbeiten gehen wird. Da kann es nicht schaden, schon mal in der Ausbildungsphase neue Richtungen der Geldflüsse einzuüben. Selten war ein solcher Streik so willkommen, ist es doch irgendwie gelungen, dass die Studierenden sich nicht als Kunden, Financiers oder ähnliches begreifen.

Wie ich so meinen Gedanken im Eingangsbereich zur neuen Streikkultur nachging, wurde ich von einem der Aktivisten angesprochen, der mit seinen langen Rasterlocken all meine Sympathien weckte und machte mich bereit für ein gemeinsames „Es lebe die Revolution!“.  Er sagte mir: „Du, kannst Du bitte den Eingangsbereich freimachen, das ist ein Rettungsweg und wir wollen keinen Ärger mit der Feuerwehr.“ Verdutzt gehorchte ich umgehend, begab mich wieder Richtung Innenhof. Nach ein paar Schritten wurden mir Streik-Aufkleber und Streik-T-Shirts zum Kauf angeboten, ein ordentlich gestaltetes Tagesprogramm ausgehändigt und ich beschloss, dass es Zeit wurde, mich zurückzuziehen.

Heute morgen kam ich erneut an der Hochschule vorbei. Die einzigen Transparente, die dem nächtlichen Regen getrotzt hatten skandierten vom Grundstückszaun aus: „Reiche Eltern für ALLE!“. Da hat der Geist von 68 wohl schon wieder anderswo Außentermine…

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