Köln bröckelt wieder

Das Wochenende haben wir in Köln auf dem Amphi-Festival verbracht. Der morgentliche Weg von unserer Unterkunft zum Tanzbrunnen führte an der Stelle vorbei, an der einst das Stadtarchiv stand. Das Festivalgelände wirkte dagegen solide fundamentiert, sorgfältig gepflastert und mit den drei Sonnenschutzpilzen angemessen sicher überdacht. Dieses Jahr waren mit ca. 13.000 Menschen noch mehr Schwarzbunte zusammengekommen und die Veranstalter hatten vorsorglich eine weitere Halle angemietet. Das Theater wurde nur noch für Plattenvorstellungen und Kinovorführungen genutzt. Ein angenehmer Ort der Komtemplation war geschaffen und bei wechselhaftem Wetter beizeiten dem Beach-Club vorzuziehen.

Leider wurde die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und der war in diesem Fall die Deckenverkleidung der Rheinparkhalle. Die warf sich flächendeckend auf die Spielmänner von Feindflug. Nun gut, über Musikgeschmack läßt sich streiten und auch die Lautstärke des Dargebotenen ist zart besaiteten Geschöpfen oftmals zu hoch, aber dass gleich der Zusammenbruch des Veranstaltungsortes angedroht wird, das gibt es wohl nur in Köln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemnad dieser Halle eine Träne nachgeweint hat (ausser den zerbröselten Jungs von Feindflug), ist der angemietete Hallenteil ein flacher dunkler Schlauch ohne erkennbare Atmosphäre.

Blöderweise mußten nicht die Freunde von Feindflug leiden sondern die mit Vorfreude geschwängerte Randgruppe der Laibach-Sympathisanten. Die standen sich über 2,5 Stunden vor dem Theater die Beine in den Bauch und konnten weder vor noch zurück. Woher ich das, weiss? Es geht doch nichts über teilnehmende Beobachtung! Diese Internierung unter freiem Himmel wuchs zu einem Eldorado für Verhaltensforscher.

Das Gerücht der Stunde hatte gemunkelt, Laibach spielten alternativ auf der Bühne des Theaters, Beginn ca. 23 Uhr. Um auch bestimmt dabei sein zu können, stellten sich die wahren Festivalprofis bereits um 21.30 Uhr an.

Wir vertrieben uns die erste halbe Stunde mit Spielchen auf unseren elektronischen Helferlein, dann mit persönlichem Kennenlernen der direkt erreichbaren Mitwartenden und dann mit ersten Gymnastikübungen gegen die platten Füße und die schmerzenden Rücken. Nach über einer Stunde fingen die ersten an zynisch zu werden, weiter fünzehn Minuten später wurden die Jungs von der Security als „die Bösen“ identifiziert und die Menschen um einen herum als überaus lästig empfunden. Da die Informationen des Veranstalters wenig und falsch waren wuchs der Unmut zur Agression. Pfeifkonzerte entluden sich auf die Türsteher und der Vorwurf der Abzocke konnte sich gegen eine unkonkrete Empörung durchsetzen. Die für ihre Friedfertigkeit berüchtigten Gothics kamen zusehens an ihre Grenzen. In ersten autoagressiven Schüben wollten wir uns dadurch schädigen, direkt nach dem Einlaß auch schon wieder den Auslaß zu nutzen und die Belohnung für das lange Warten erhobenen Hauptes ausschlagen. Dem Himmel sei zum einen gedankt, dass es in dieser Zeit nicht geregnet hat und des Weiteren, dass wir geblieben sind. Auch wenn einigen von uns die Show schon aus Stuttgart weitestgehend bekannt war, geriet die Darbietung dieses slowenischen Künstlerensembles erneut zu einem beeindruckenden Erlebnis. Augen und Ohren wurden gleichermaßen beansprucht, belastet und verwöhnt. Irgendwie passte die Stimmung vor den Toren des Theaters zu der Musik, die innen kurze Zeit später serviert wurde.

In den frühen Morgenstunden kamen wir erschöft an unserem Nachtlager an. Kurz vorm Einschlafen haben wir uns noch daran erinnert, dass der Tag bereits grandios mit Coppelius begonnen hatte, handfester Rock mit Streichern und Klarinette, eine feine Idee. The Birthday Massacre haben sich konsequent weiterentwickelt, oszilieren aber immer noch zwischen Emo-Kitsch und Gothic-Rock. Eisbrecher haben die Herzen der Damenwelt erobert und eingängige neue deutsche Härte zelebriert. Die meditative Stunde mit Covenant war eine gelungene Vorbereitung auf die zu diesem Zeitpunkt noch ungeahnte Wartezeit.

Am Sonntag war die Stimmung hervorragend. Das lag in unserem Fall bestimmt am köstlichen Frühstück, aber auch an der Tatsache, dass unsere Running Order recht kurz ausfiel. Eigentlich wollten wir nur Panzer AG sehen. Dann hatten wir noch eine Rechnung mit QNTAL offen und auch die künstlerische Weiterentwicklung von Unheilig wollten wir weiterhin lückenlos verfolgen

Panzer AG hat sich alle Mühe gegeben, aber was hatte die Frau am Keyboard am Mikrofon zu suchen? Diese talentfreie Darbietung trübte den ansonsten kraftvoll gestalteten Auftritt dieser Gruppe.
Entweder auf uns oder auf QNTAL ist kein Verlass, wir kamen jedenfalls wiederholt nicht zusammen. Dafür haben wir Unheilig bei seiner erneut emotional und musikalisch beeindruckenden Darbietung beobachten können. So geht deutsche Volksmusik und Begeisterung der Massen! Der Graf könnte hier mal eine Handreichung für einige seiner Kollegen verfassen.

Abgefüllt mit schönen Melodien und Rhythmen und mit der Vergewisserung, dass es immer noch genug normale Menschen gibt, die mit Stil schwarz leben, haben wir den Heimweg angetreten. Das Amphi ist eindeutig homogener schwarz als das WGT. Die bunten Waschmaschinen- und Schweisserbrillenknicklicht-Fraktion war lediglich eine Randgruppe auf diesem Festival.

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: