La Table du Gourmet, Riquewihr, France

Jeder hat schon von sogenannten Sterne-Köchen gehört. Seitdem dieses Feinhandwerk auch durch das Unterschichtenfernsehn getrieben wird, ist die bildliche Vorstellungskraft für das, was diese Köche auf die Teller bringen, in den Köpfen der Bundesbürger ausdifferenziert. Da die Sender auf eine ausgewogene Berichterstattung zwischen filligranen Amuse Gueules und XXL-Schnitzeln Wert legen, hält sich der Futterneid zwischen den sozialen Milieus in Grenzen. Fehlt uns also nur noch der Eigenversuch dieser zelebrierten Nahrungsaufnahme, den wir am Wochenende im La Table du Gourmet in Reichenweiher, neudeutsch Riquewihr, dem Busreiseneldorado für Weintrinker, unternommen haben. Die Küche unseres Restaurants hat einen Michelin-Stern, das heißt, es wird uns „eine sehr gute Küche, welche die Beachtung des Lesers verdient“ in Aussicht gestellt. Nun sind wir gar keine Leser des Guide Michelin und das drollige Michelin Männchen passt von seinem Erscheinungsbild heutzutage eher zu den Gourmets von Burger-King und Mc Donald’s, als zu wählerischen Gaumen, aber diese Wirrungen sollten uns nicht schrecken.

Wir gaben uns ganz in die Hände von Chefkoch, dargestellt von Jean-Luc Brendel. Um uns herum servierten zwei Kellnerinnen und eine Sommelière versorgte uns mit Getränken.

Als Apéritif, oder wie unsere Schweizer Freunde am Tisch gesagt hätten, als Apéro, wurde Crémant d’Alsace, Gewürztraminer und Ricard Pastis gewählt. Ansonsten haben wir uns auf das umfängliche Menü namens „Collection Automne“ verständigt. Die Weine haben wir sicherhaltshalber auch gleich vom kundigen Personal auswählen lassen (was sich zumeist auch im Preis niederschlägt).

Wir gaben uns alle Mühe, gute Gäste zu sein und alles zu probieren, was uns serviert wurde. Manchmal half es, dass unsere Kellnerinnen konsequent in französischer Sprache erklärten, was sie uns vorsetzten. Das klingt alles gleich viel leckerer als auf Deutsch. Algen, Gänsestopfleber und Froschschenkel verführen hier bei weiten nicht so sehr wie Algues, Foie Gras de Canard d’Alsace et Grenouilles. Es stand also auch auf dem Programm, sich über fragwürdige Gerichte ein Urteil zu bilden. Und, was soll ich sagen: Es geht auch ohne! Es gibt hervorragende Mousse de Canard, die locker mithalten kann mit Foie Gras, und mit den Froschschenkeln ist so, wie mit allen exotischen Fleischverkostungen: es schmeckt irgendwie nach Hühnchen. Pech für die Hühner, gut für die Frösche, Schlangen und Leguane.

Wir saßen also in diesem alten Gemäuer, rubinrote Wände und schwarzes Fachwerk umrahmten unseren Tisch. Eine Köstlichkeit nach der anderen wurde uns kredenzt und wir verstanden den Reiz, der von solch einem Mahl ausgeht: Es ist wie ein amüsamter Spieleabend, nur ohne Karten und Würfel. Jeder Bissen entlockte uns neue fantasievolle Umschreibungen für die Sinnesreizungen. Augen, Nase und Gaumen wurden mal leicht umschmeichelt, mal provoziert, stets verwöhnt. Bei manchen Leckerbissen droht man in eine Depression zu verfallen, sind die Genußstückchen doch so klein und die Geschmacksexplosionen kurzlebig. Lediglich die Weine gaben uns Halt und boten die nötige Beständigkeit, die uns abhielt, die Küche zu schatzräubern. Frau Sommelière sah nicht nur fabelahft aus, sie verstand auch was von Weinen und dem Umsorgen der Gäste. Wären wir wohl alle auf die 2003er Jahrgänge (was war das für ein Sommer!) in der Weinkarte reingefallen, entkorkte sie unumwunden einen 2004er nach dem anderen (gab es 2004 überhaupt einen Sommer?). Die Traubensäfte waren allesamt begeisternd und passten tadellos zu den Speisen. Professionist schlägt Dilettant beizeiten verblüffend eindeutig.

Etwas enttäuscht war ich von den Kellnerinnen. Sie wirkten einen Hauch zu streng und versnobt. Vielleicht lag es aber auch an uns. Wir waren die jüngsten Gäste an diesem Abend und hatten unsere eigene Interpretation für angemessene Kleidung, um so einen Abend zu bestreiten. Einer unserer Freunde am Tisch hatte extra sein Themen-Shirt aufgebügelt und nahm so unser Lob an Chefkoch beinahe schon vorweg:

hells-kitchen

Hier die chronologische Dokumentation der Speisen- und Getränkefolge, in Telefonbildchen festgehalten (es fehlt nur das Bild vom Parmesanbrot, das war schon aufgegessen, bevor ich knipsen konnte):

Der Gruß aus der Küche (wohl etwas Fischiges mit Kaviar, im Pöttchen ein paar Muscheln mit flambiertem Ziegenkäseschaum)

BÂTON DE FOIE GRAS DE CANARD D’ALSACE POP CORN D’AMARANTHE, GEL MIRABELLE

PINOT GRIS RÉSERVE TRIMBACH 2004

TAGINE DE POTIRON AUX CHATAÎGNES, ECUME CACAO SUR CREVETTE CROQUANTE

RIESLING LES PIERRETS JOSMEYER 2004

ST JACQUES RÔTIE  SUR  MÉLANGE DU TRAPPEUR, JUS DE POMME VERTE ET NOIX EN PAPILLOTTE, FAUX NOUGAT DE FRUIT SEC

GRENOUILLES EN BEIGNET ALLÉGÉ: ECUME AMANDE, POMMES AIGRES ET TOFU

PINOT NOIR DOMAINE WEINBACH 2004

VAPEUR DE BAR «TERRE MER », ALGUES, LEGUMES DE MON JARDIN, COQUILLAGES FUMÉES, MOUSSE PARMESAN

FAON DE DAIM OU CHEVREUIL, DES CHASSES D’ALSACE AUX EPICES CHAUDES, MOSAIQUE DE FRUITS D’AUTOMNE, POLENTA DE GIROLLE

AIR DE MARC DE GEWURZTRAMINER SUR GLACE LIME ET SPIRULINE, FILAMENTS DE CACAHUÈTE

CRÈME DE CÈPE SUR PÂTE DE FRUIT CITROUILLE ET MERINGUE, AIR DE CHOCOLAT

ESPRESSO MIGNARDISES

Und was ein richtiger Sauerländer im Exil ist, der geht nach so einem Abend erst mal auf ein Bier. Das ist in einem der klischeehaftesten Dörfer an der Elsässer Weinstraße nicht möglich ohne aufzufallen. Im Keller unseres Hôtel à l’Oriel gab’s einen Zapfhahn mit Fachpersonal. Der Grenzübertritt zu unseren französischen Freunden hat immer auch zur Folge, dass die Bierqualität nochmals abnimmt. Man könnte die kulinarische Abwärtsspirale in Sachen Bier etwa so zeichnen: Nordsee-Pils, Sauerländer Plörre, Badisches Eingeschlafene-Füße-Wasser, französisches Abwasser mit Bieretikett. Darauf konnte ich aber keine Rücksicht nehmen, es galt, den Abend mit Anstand zu Ende zu bringen, was mit dem Satz, „den großen Bellheimer, bitte“ gelang.

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