Vorwärts! Abwärts!

Die Kapelle ASP gab sich gestern in der Halle 02 in Heidelberg die Ehre. Als Vorgruppe, heute nennt sich das Supporting Act, traten Mono Inc. auf. Bis zum Ende der Darbietung der Einheizer sah es so aus, als wären wir auf einem normalen Konzert der Gothic-Szene gelandet. Es hatte fast schon WGT-Qualität erreicht: der Sound war unterirdisch und die Lokation war perfekt für das, wofür sie einst gebaut wurde: Stückgutlagerung im Auftrag der Bundesbahn. Damit das nicht jeder sofort sieht, haben eine ganze Schar von Innenarchitekten an einem Plan gearbeitet, um aus diesem Ort eine Konzerthalle mit Tanzlokal zu schaffen. Die Kilometer an gelben Drainageschläuchen, die unter die Decke gebastelt wurden, werden in diesem Konzept zu einem dezenten Ruhepol für die durch Strobolicht und Lasershow geforderten Augen.

Für den Fall, dass man keinen Platz in der ersten Reihe ergattern konnte, haben sich die Architekten mit einer baulichen Lösung unsterblich gemacht: Die Toiletten sind direkt hinter der Bühne! Wenn es gelungen ist, sich einen Weg durch die Massen zum nicht ganz so stillen Örtchen zu bahnen, kann man seinen Idolen plötzlich ganz nah sein – und sich entspannen. Die Klowand ist zugleich die Rückwand der Bühne. Näher und intimer geht es wohl nicht mehr.

Mono Inc. haben ein paar Lieder gespielt, die sich auf der CD auch gut anhören. In der Halle kamen zumindest Schlagzeug und Bass druckvoll bei uns an. Vor allem Katha Mia am Schlagzeug verstand es, Volkes Stimmung für die Hauptgruppe zu präparieren. In der Umbaupause vermerkte ich, dass mir der Bass ordentlich den Bauch massiert hatte. Die Mädels meinten, sie hätten die tiefen Töne vor allem im Kinn- und Halsbereich gespürt. Tja, das muss dann wohl etwas mit dem Bindegewebe zu tun haben…

Als Alexander Frank Spreng mit seinen Kollegen auf die Bühne kam, wurde das Publikum deutlich aktiver. Die Hände flogen nur so in die Luft und es wurde getanzt, als gäbe es kein Morgen. Musikalisch fiel auf, dass auf der Bühne nur ein kleiner Teil der Musiker versammelt standen. Über die Hälfte der Musik wurde kontrolliert vom Mischpult aus auf die Boxen gegeben.

Herr ASP wurde, wie bei jedem Konzert, nicht müde, die versammelte Gemeinde mit „ihr schönen Menschen“ anzusprechen. Hier muss man aber der Wahrheit ins Auge blicken: Beim Rundgang durch die Halle habe ich eine überraschend große Anzahl an Menschen gesehen, deren Anblick diametral zu gängigen, aber auch szenetypischen Kriterien für schön, hübsch, extravagant, ästhetisch oder zumindest gepflegt steht. Für die Gothic-Szene ist dies ungewöhnlich, wird hier als ein Identifikationsmerkmal besonders auf die eigene äußere Erscheinung und mindestens ebenso genau auf die der anderen geachtet. Die Stilrichtungen entsprechen mit Absicht nicht dem landläufigen Modediktat, sind aber an Aufmerksamkeit für Details kaum zu überbieten. ASP war bestimmt von der Lichtshow geblendet und in der ersten Reihe standen die augenfreundlichen Exemplare jüngeren Alters. Oder aber ASP kennt seine Fangemeinde genau und übt sich in Selbtbetrug. Dieser These wurde dadurch noch Vorschub geleistet, dass der Sangeskünstler mit folgender Ansage aufwartete, die den Titel seiner aktuellen Tour erklären sollte:

„Ihr schönen Menschen in Euren kunterschwarzen Kleidern gebt mir Hoffnung. Ihr seid es, die die Welt jeden Tag ein bisschen besser macht. Wer sonst?“

Also, dass die Gothics jetzt die Weltverbesserer sein sollen, ist mir neu. Erfreute mich bisher der offene Umgang mit den Wirren des Lebens und der Geworfenheit des Seins (im Alltagsverständnis, kein Heidegger, ätsch!), muss eine Neuorientierung in der Szene stattgefunden haben, die ich wohl verpennt habe.  Oder aber die Welt ist bereits so abgehalftert, dass die Schwarzen schon wie Clowns für Erheiterung sorgen (müssen).

Die guten alten Lieder gab es dann aber auch noch zu hören, und die Realschullehrerin, die stolzes Gründungsmitglied der Junghexenvereinigung Nordbaden ist,  tanzte selig neben ihren pubertierenden Emo-Rabauken aus der 8b. „Ich will brennen“, „Schwarzes Blut“ und „Raserei“ retteten das schwarze Heimatgefühl über den Abend und mit  „Und wir tanzten“ rutschte mein Herz wieder an seinen rechten Fleck. Vielleicht gehe ich das nächste Mal erst gegen Ende zum ASP-Konzert, aber ich gehe.

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