Die Huldigung der Freitoten

Der Selbstmord von Herrn Enke wird medial verarbeitet, als wäre es der erste Selbstmord nach den Leiden des jungen Werther. Weltweit stürzen sich die Menschen in kollektive Trauer und die Umsätze des Hannover 96 Fan-Shops schnellen in diesen Tagen bestimmt in die Höhe. Die Kirche ist auch schon auf den werbewirksamen Zug aufgesprungen und die Nervenärzte der Republik sind kaum mehr für ihre berufliche Arbeit zu erreichen, weil sie sich alle für Fernsehinterviews hübsch machen.

hannover-enke

Gegen die Würdigung des Freitods habe ich soweit nichts einzuwenden. Erst kürzlich hat es Gabriele Fischer auf den Punkt gebracht, als sie in einem Interview zuspitzte: „Es gibt nur zwei Lebensentscheidungen: Selbstmord und Kinder. Alles andere ist variabel.“

Im Fall Enke stört mich die Wahl der Mittel. Hat Werther sich bekanntlich eine Pistole geliehen (und wohl nicht zurückgegeben) und sich in sein Zimmer zurückgezogen, so wählte Enke den Regionalexpress 4427 von Norddeich nach Hannover. Der sogenannte Schienensuizid wird in Deutschland immer beliebter, vor allem bei Männern. Das wird durch die Berichterstattung vielleicht noch gefördert, wohl aber nicht verringert. Auf der Strecke bleiben (im engsten Wortsinn) die Fahrgäste und die Lokführer. Diese Berufsgruppe sitzt unfreiwillig in der ersten Reihe und muss sich in einer Qualität mit dem Selbstmord eines Menschen auseinandersetzten, der Angehörigen, Psychiatern, Fans und Pfarrern erspart bleibt.

Herrn Enke posthum zu einer tragischen Ikone des öffentlichen Lebens zu erheben, erscheint mir, angesichts der Wahl seiner Mittel, unangemessen. Die egoistische Entscheidung Freitod wird, insbesondere beim Schienensuizid, zu einem brutalen Akt gegen unbeteiligte Menschen. Das läßt sich auch nicht durch eine Depression rechtfertigen. Eine öffentliche Ächtung dieser Mittelwahl und das Aufzeigen von Alternativen (von mir aus auch zum Freitod insgesamt) fehlen mir zunehmens. Anscheinend fällt dem modernen Mann alleine nichts Besseres ein, um einen selbstgewählten Abgang von der irdischen Bühne zu inszinieren. Ob dies mit der Unkenntnis der literarischen Vorlagen (Stichwort „Leseunlust in deutschen Klassenzimmern„) oder den neueren Hürden zur unbürokratischen Beschaffung von Schußwaffen zu tun hat, mag ich nicht beurteilen.

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4 Antworten to “Die Huldigung der Freitoten”

  1. Serafina Bleibtreu Says:

    Nie werde ich vergessen, wie ich – mit einer Geburtstagsblume im Arm- auf dem Bahnsteig stehend zum einlaufenden Zug auf das gegenüberliegende Gleis in Ahrensburg schaute (es war schon dunkel und eiskalt ) – und in dieser gespenstisch und surreal wirkenden Stille der Januarnacht ein Mann vor den Zug springt. Gibt es keine Rasierklingen, kann man sowas nicht im heimischen Badezimmer erledigen? Auch wenn es herzlos klingen mag, aber eine Unterhaltung mit einem Feuerwehrmann über diesen Sachverhalt ließ erahnen, was man anderen Menschen mit seiner eigenen Feigheit antut. Leute, die Köpfe und abgetrennte Gliedmassen aus den Gleisbetten einsammeln müssen (von Berufs wegen) finden sich regelmäßig auf der „Couch“ wieder, um ihre Eindrücke irgendwie wieder los werden zu können. Aber gelingt es wirklich, etwas Schreckliches, dass man vor Augen hatte, zu vergessen? Holt es einen nicht in den Träumen wieder ein? Wer denkt einfach nicht darüber nach, wenn er seinen Freitod plant? Oder „plant“ man sowas nicht? Hat nicht jeder schon mal eine oder mehrere Situationen im Leben gehabt, wo er dachte…jetzt reicht es und hat man nicht darüber sinniert, wie man aus dem Leben scheiden wollte? Ich glaube, dass gehört zum Menschsein dazu….und es ist gut, dass man bestimmte Dinge nicht aushalten muss und sich für ein freiwilliges Gehen entscheiden darf. Das sollte auch niemandem verübelt werden oder schlechtgeredet…aber ist es nicht doch eine Pflicht auch über die armen Wesen nachzudenken, die ob der eigenen Freiheit, sich das Leben zu nehmen, in Abgründe gestürzt werden? Doch, ich bin der Ansicht! Gruß Serafina Bleibtreu

  2. mattensan Says:

    Volle Zustimmung wenn man die Aussage des egoistischen Aktes auf die Art und Weise des Freitodes bezieht.
    Und auch volle Zustimmung was die vollkommen unpassende mediale Schlacht um dieses Ereignis angeht.
    Zum Freitod selbst gibt es sicher mehr zu sagen, ich denke Durkheim lag mit seiner Vierteilung nicht falsch

  3. Danke für Deinen Kommentar! Ich habe auch auf eine kontroverse Diskussion gehofft, da lerne ich immer viel.
    Ob Selbstmord egoistisch ist oder nicht, ist meines Erachtens keine Frage von Zynismus sondern eine philosophische Diskussion wert. Kant hat sich ebenso damit beschäftigt wie auch Durkheim, der den egoistischen Selbtmord explizit als einen von vier Selbtmordtypen herausarbeitet. Nicht die Verzweiflung oder sonstige Beweggründe sind von mir gemeint sondern die finale Entscheidung.

    Über meine Ahnung in Sachen Depressionen äußere ich mich nur privat, die Gesellschaft scheint da noch nicht weit genug. CU

  4. Den Ausführungen widerspreche ich entschieden. Verzweiflung, die einen Menschen in den Selbstmord treibt, als egoistischen Akt zu bezeichnen, ist mehr als zynisch. Da hat jemand offenbar voll Ahnung von Depressionen!

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