Abendbrot für Farbenblinde

Gestern haben wir ein neues Restaurant ausprobiert. Das Konzept versprach eine gehörige Portion Selbstironie, haben die Macher den Laden doch „Red – die grüne Küche“ getauft. Bis vorgestern schreckte mich das Lokal noch mit einem Lichtkonzept ab, das ich nicht einmal meiner Schildkröte im Aquarium anbiete. Gestern hatte man aber die kaltleuchtenden Energiesparlampen gegen klare 60 Watt Glühlampen getauscht, was die nicht vorhandene Gemütlichkeit schon mal aufweichte. Wo wir schon bei aufweichen sind: Ich wählte das Tagesessen-Pfannengericht „Grünkern mit Frühlingsgemüse in Kräutersahne und Raclettekäse“. Im Suppenteller kam mir ein dekofreier Getreideeintopf mit Tiefkühlerbsen und Gedöns vor die Nase, der bereits ob der leberwurstgrauen Optik meine Experimentierfreude herausforderte.

Geschmacklich schwankte mein Essen zwischen Blauschimmelmüsli und Pappe. Mitleidig bot mir meine Freundin etwas von ihrem Essen an. Sie hatte sich am Buffet eine bunte Mischung warmer und kalter Speisen zusammengesucht. Wie viele Vegi-Restaurants, bietet auch das Red den Nicht-Service einer Großkantine. An der Kasse wird der eigenhändig gefüllte Teller gewogen und die individuelle Speisewahl vor Verzehr bezahlt.

Buffetvariationen. Jeder nimmt nur das, was er will.

Grünkernbrei mit Tiefkühlgemüse.

Das erspart einer Bedienung das schonungslose Feedback und löst ein weit größeres Problem: Vegetarier und Veganer lieben es, aus dem Gesamtangebot einer Speisekarte eine individuelle Auswahl zu treffen, die Bewirtung und Küche zumeist in den Wahnsinn treibt. „Einmal bitte den überbackenen Schafskäse mit Sojasprossenhäubchen, aber ohne das Balsamicodressing und statt der Pinienkerne bitte mit Walnüssen, aber nur grob gehackt. Wenn der Käse nicht glutenfrei sein sollte, dann nehme ich doch lieber die Röstis, aber ohne die Pilzsoße, außer es sind braune Bio-Champingons und den Beilagensalat bitte ohne die Möhrenschnitze, dafür gewürfelte Tomaten und etwas frische Kresse darüber, bitte, danke…“ läßt Biorestaurantbetreiber immer neue Konzepte der Systemgastronomie erfinden. Wo nichts schmeckt, braucht auch keiner auf die Gesamtkomposition des Essens Rücksicht zu nehmen.

Dabei war diese Bestellattitüde nur bei Sally komisch charmant:

Zu allem Überfluß war das Pfannengericht mengenmäßig üppig dimensioniert und der Laden auch nicht billig, so dass die Preise voll ins Konzept passen. Ich sehe bei bei sowas rot und habe mich selten so auf ein Butterbrot daheim gefreut wie an diesem Abend.

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5 Antworten to “Abendbrot für Farbenblinde”

  1. Ach Du liebes Lieschen. Warum tut man sich sowas an?

    Es ist doch Sommer, volgo Grillzeit! (Wobei: Grillen kann man eigentlich immer.)

  2. Da hätt ich mich auch auf ein Butterbrot @ Home gefreut

  3. vorstadtprinzessin Says:

    Einfach selber Kochen 😉 das macht alles einfacher gg

    • mattensan Says:

      Und wieder ein Pflasterstein mehr auf dem Weg zu meinem Traumrestaurant namens „Fleisch“, wo bereits am Eingang die Warntafel hängt: wer nicht in der Lage ist, die Kartengerichte zu akzeptieren, der gehe auf die Weide und mache laut Muh.

      • NarrenkönigsTochter Says:

        Hiermit lade ich Dich und den Autor obigen Textes (inkl. Anhang) ein, auf dass ich euch mal fein und ohne Fleisch bekochen kann…bin doch g’rad‘ so auf dem Ernährungstrip…wobei ich zugeben muss, dass z.B. das Viva in KA (was ja auch zu den vegetarischen Selbstbedienungsläden gehört) von mir ähnlich schlechte Punktwerte bekommt wie obig beschriebenes Etablissement, ts.

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