Musikalische Genesungswünsche

 

Wie es klingt, wenn Kinder von Musiklehrern aus ihrem kulturellen Kapital etwas sinnvolles machen, konnten wir gestern im Königssaal des Heidelberger Schlosses erleben. Die noch recht junge und unverbrauchte Band Get Well Soon spielte zusammen mit einem Grand Ensemble ihre Eigenkompositionen vor gut besuchtem Hause.

Die Musik dieser Gruppe um das Geschwisterpaar Konstantin und Verena Gropper lockte vornehmlich dieses akademische  „Nerd is Sexy“-Publikum an, das artig auf den Stühlen Platz nahm und dort zwei Stunden regungslos verweilte.

Manche hatten als Ausdruck tiefen Verständnisses für die traumatische Jugend der Bühnenmenschen ihre eigenen Streichinstrumente mitgebracht. Wer bitte bringt denn sein Violoncello auf ein Indie-Rock-Konzert mit? An diesem Abend mindestens zehn Gäste. Die mitgeführten Geigenkästen habe ich irgendwann nicht mehr gezählt.

Ätzend waren die vielen Eltern im Publikum. Diese friedhofsblonden Nervensägen hatten sich in ihren feschen Bugatti-Strickpullis und Betty-Barclay-Kleidchen unters Konzertvolk gemischt, um ihre Rendite einzufordern. Man sah förmlich in ihren Gesichtern diesen Anspruch, endlich etwas zurück zu bekommen, dafür, dass man vor Jahren so viel Geld und Nerven in die eigene Brut und die örtliche Musikschule steckte, um bisher lediglich qualvoll Bratschen-, Oboen- oder Klavierübungsstunden im Reihenendhaus ertragen zu haben. So überwiesen Get Well Soon an diesem Abend die kulturellen Reparationsleistungen der Generationen X, Golf, Praktikum und Upload an die elterlichen Nachkriegler und 68er. Vielen Dank dafür!

Musikalisch war der Abend ein absoluter Hammer. Wer hätte gedacht, dass ein Xylophon so brettern kann? Die Besonderheit der Stücke von Get Well Soon liegt für mich im Spannungsbogen zwischen düsterer Trauer und ansteigender Euphorie, die aber niemals erlösende Substanz erhält. Wenn 14 multiinstrumentalbegabte Menschen es so arrangiert miteinander aushalten, kann man schon mal Gänsehaut bekommen…

Über die Vorband Sizarr kann ich berichten, dass ich immer noch nichts mit Bubis in Rutschehosen anfangen kann. Zudem finde ich es albern, auf der Bühne Wanderstiefel, Flanellhemd und Wollmütze zu tragen und zugleich ein Schweiß-Handtuch mitzubringen. Musikalisch habe ich die Jungs auch nicht verstanden.

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