Tödlicher Stromschlag

Oder: Wie Herr B Anne Clark in den Suizid begleitet

Gestern fand ein Konzert von Anne Clark im Tollhaus in Karlsruhe statt. Es wurde als eines ihrer Abschiedstour beworben, hat die Künstlerin doch beschlossen, aus gesundheitlichen Gründen zukünftig nicht mehr auf Konzertreise zu gehen. Überwiegend Menschen, die kurz vor der Frührente stehen, sammelten sich gegen 20:30 Uhr im Konzertsaal, um eine ihrer musischen Ikonen zu verabschieden. Was wir erlebten, war eine über 100 Minuten währende grausame Hinrichtung – und die ging so:

Anne Clark hatte sich als ihren Henker Herrn B, alias Michael Bestmann aus Nürnberg, gewählt. Dieser angeblich begabte Produzent versaute gnadenlos jedes Kunstwerk aus Anne Clarks Galerie mit billigen Beats und kleisterte stoisch alle magischen Momente der uns doch so liebgewonnen Melodien mit Lärm zu. Übrig blieb nur noch Techno-Quark aus der musikalischen Ramschecke von Aldi-Süd.

Auf der ständigen Suche nach den vertrauten Soundschnipseln und sich mühsam an den Klang der oft verloren wirkenden Stimme von Anne Clark klammernd, wurden wir mit billigen Bildprojektionen und LED-Blitzen maltretiert, bis auch noch die Augen bluteten. Die Künstlerin selbst schien regelmäßig vor diesen Lichtquellen flüchten zu wollen, hielt aber tapfer an ihrem Platz am Mikrofon durch.

Es bleibt das Rätsel des Abends, warum Anne Clark ihren musikalischen Freitod so erbarmungslos inszenierte. Ist sie ihrer eigenen Melodien und Worte derart überdrüssig? Wollte sie noch einmal modern klingen? Oder hasst sie ihr, zugegeben etwas in die Jahre gekommenes, Publikum? Wir wissen es nicht, und fühlen uns alt und verloren – und um einen Soundtrack fürs Leben ärmer.

R.I.P. Anne Clark.

 

 

4 Antworten to “Tödlicher Stromschlag”

  1. […] Die Lyrikerin des Synthpop auf Abschiedstournee | Deutschlandfunk Anfang der 80er war es schon eine kleine Sensation, als Anne Clark so gar nicht singen wollte und mit ihrer unterkühlten und fast schon poetischen Stimme ihre Synthiesounds mit Text belegte. Doch Texte und Sound trafen den Geist der Zeit und die Dame aus England wurde zum Underground-Erfolg. Jetzt ist die 55-jährige auf Abschiedstournee: “In der Lage zu sein, jemanden so zu erreichen – dass er seine Situation erkennt, sich nicht damit allein fühlt oder Dinge infrage stellt – das ist, denke ich, die wahre Aufgabe eines Künstlers. Mit dem deutschen Produzenten Stefan Bernauer alias Herr B arbeitet Anne Clark seit zwei Jahren zusammen. […] Ob es wirklich die Abschiedstour der Künstlerin ist? Man wird sehen. Erst mal will sie Zeit für andere Projekte haben: vielleicht ein Kinderbuch rausbringen und eine Galerie eröffnen.” Der Tobi war ja nicht so begeistert von dem Konzert. […]

  2. Schade, schade… Ich dachte ich könnte sie auf dem WGT dieses Jahr noch spielen sehen, aber unabhängig davon, ob sie dort auftritt oder nicht, werde ich mir das wohl nicht anschauen. Hört sich echt schlimm an…

    Viele Grüße
    Stephie

  3. Aufgrund Deiner Worte muss ich meine Erwartung für das Konzert nächste Woche wohl ganz tief nach unten schrauben. Schade. Hatte ich doch gehofft, einen ähnlich guten Auftritt wie schon im letzten Jahr erleben zu dürfen. Damals allerdings mit kompletter Band.

    • Ich bin sehr gespannt, wie es Dir gefallen wird. Es ist ja nicht so, als hätten manche Besucherinnen und Besucher des Konzerts nicht heftig gekrischen und geklatscht…

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