Archiv für Punk

Die Turborentner der Jugendkulturen

Posted in Allgemein with tags , , , , , on 3. August 2014 by tobikult
Turbojugend

Mitglied der Turbojugend auf dem Amphi-Festival.

Dieses Wochenende trifft sich die Weltturbojugend in Hamburg zu ihrem jährlichen Familientreffen.

So sehr sich die Älteren der Schwarzen Szene beizeiten schwer tun mit den optischen und musikalischen Vorlieben des Szene-Nachwuchses, so sehr freuen sie sich, dass es weiterhin auch eine düstere Jugendkultur gibt.

Das ist bei der Turbojugend etwas anders gelagert.  Hier suggeriert der „Familienname“ junges Gemüse, in Wirklichkeit aber altert das weltweite Punkrock-Netzwerk schneller als eine Banane in der Sonne.

Was wie der YMCA der Punkszene anmutet, ist eine lebensfrohe Gruppe von Menschen zwischen 35 und 75, die die Liebe zu Death-Punk, wie ihn die Band Turbonegro versteht, regelmäßig zusammenbringt.


Mit Kutte und spielerisch an die Rockerszene angelehnten Strukturen drücken die Mitglieder der Turbojugend ihren Zusammenhalt nach außen aus. Dabei überlebt diese  soziale Gruppe sogar die Auflösung der eigentlichen Band Turbonegro oder deren Wirren und Verirrungen. Mit ihren Liedern bietet Turbonegro einen gitarrenlastigen aber inhaltlich überzeugenden Soundtrack für das Leben zwischen Pubertät und Altenwohnheim:

Six Pack

Sell Your Body To The Night

Hot Cars

I Got Erection

I’m In Love With The Destructive Girls

All My Friends Are Dead

Fuck The World

Deathtime

Let’s Go To Mars

Musikalisch und ästhetisch gelten Turbonegro als Quelle der Inspiration für Marilyn Manson, HIM und andere Düster-Rocker. Der Fanclub unter geschätzten Musikern ist überraschend groß und die Städtepartnerschaft zwischen Oslo und Hamburg lebendiger denn je. Ich wünsche der Turbojugend ein rauschendes Wochenende in Hamburg und einen immer währenden Sieg gegen das Erwachsenwerden.

Fuck The World!

 

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Piercing is not a crime!

Posted in allgemein with tags , , , , , , , , on 9. Mai 2013 by tobikult

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Habt ihr ein Klo?

Dann braucht ihr dieses Buch!

😀

Im Ernst, diese Lektüre ist etwas fürs stille Örtchen. Die Geschichten und Interviews, die Tarek hier zusammengetragen hat, dauern nie länger als 30 Minuten. Für mich daher auch die perfekte Pendler-Lektüre und so kurzweilig wie ein guter Punkrocksong. Da kennt Tarek sich aus: „Am besten unter zwei Minuten bleiben und unbedingt auf das Gitarrensolo verzichten.“

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Letzte Woche habe ich die Anekdote „Der Tempel der Ishtar“ im IC 2276 nach Hannover gelesen. Der Titel der Story weckte zunächst das Interesse meiner Banker-Sitznachbarin auf dem Weg nach Frankfurt. Immer wieder schaute sie zu mir herüber und ich akzeptierte, dass sie mitlas. Nach ein paar Sekunden drehte sie sich ruckartig weg und fing an ihre Tasche unterm Sitz vorzuziehen, stand auf und setzte sich auf einen anderen Platz. Fein, mehr Beinfreiheit für mich. Könnte es daran liegen, dass die Ausführungen über das Perforieren von mehr oder weniger intimen Körperstellen in ihrer Detailverliebtheit zwischen Feuchtgebiete und Fifty Shades Of Grey changieren?

Egal. Wer seine bürgerlichen Scheuklappen ablegt und sich locker macht, bekommt mit diesem Buch einen wunderbaren Einblick in eine Arbeitswelt, für die es keine Berufsausbildung gibt und kein Schulabschluss von Nöten ist. Letzteren kann Tarek eh nicht vorweisen und für ihn hat sein Buch eine klare Botschaft:
„Ich möchte dieses Buch als Fallbeispiel schreiben. Als Gegenbeweis für Mütter unerzogener Kinder. Als Beleg dafür, wie aufregend ein Leben ohne Schulabschluss ist, wie der Durst nach Wissen nicht aus dem Zwang einer Bildungsinstitution entsteht, wie finanzielle Sorglosigkeit nicht von einer Berufsausbildung abhängen muss, wie emotionale Intelligenz und moralische Werte nicht notwendigerweise durch Lehrer, Eltern oder Polizei begünstigt werden.“
Wenn er Pech hat, ist ihm das so gut gelungen, dass er demnächst zu Jauch und Beckstein eingeladen wird.

Tarek Ehlail hat nicht nur dieses unterhaltsame Buch über sein Leben als Piercer gerschrieben, sondern er zählt für mich auch zu dem Unkonventionellsten, was Celluloid passieren kann.
Schon seine alten Werke aus den autonomen Zeiten, in denen SABOTAKT laufen lernte, waren schonungsloser Punk!
So ist dieses Buch eine weitere gelungene Alternative zum Schnorren und ich wünsche ihm, dass seine zweite Intention, dieses Buch der Welt vor den Latz zu knallen, aufgeht und „eine Zeit lang warmes Essen auf den Tisch bringt.“

 

Könnt ihr euch eigentlich noch an meinen ersten Blogeintrag auf werturteilsfrei.de erinnern? Ich habe damals von der Premiere von Tareks Kinofilm „Chaostage – We are Punks!“ berichtet. Das ist auf den Tag genau v-i-e-r Jahre her.

😯

Ansichtssache

Posted in allgemein with tags , , , , , , , on 17. Mai 2011 by tobikult

One person’s craziness is another person’s reality.
Tim Burton


Es gibt Huhn Baby!

Posted in allgemein, Kultur with tags , , , , , , , , on 29. Oktober 2010 by tobikult

Wenn die Düsseldorfer Punkband BROILERS sich schon die Mühe macht nach Stuttgart zu kommen, gehört es quasi zur identitätserhaltenden Maßnahme, auch ins kopfbahnhofverwirrte Ländle zu reisen, um diese liebevoll handgemachte Musik zu genießen.

Der Zapata-Club erwies sich als guter Austragungsort, bot er mit seinen kompakten Maßen sofort ein familiäres Miteinander der Kulturen. Neben Punkern, Skins, Mods und Metalheads waren auch ein paar Gothics und Rockabillies zugegen. Das schaffen nur die BROILERS, eine so bunte Fangemeinde zusammen zu bringen. Sorgen macht ein Teil des Nachwuchses: junge Kerle mit Baseball-Caps und Joggingbuchsen auf halb acht irritierten mich und andere Szene-Ästheten. Das scheint der Preis des Ruhms zu sein. Einmal auf den Drecksauparties wie Rock am Ring und im Park aufgetreten, und Du musst mit diesem RTL2-Gesocks klarkommen. Vielleicht finden sich die Punks bald in ungewohnter Rolle wieder: als Vorbild für etwas, was sich als Stil bezeichnen ließe.

In Sachen Musik war das Konzert mal wieder ein Hochgenuss. Wie ein Defibrillator elektrisierten Sammy, Ines, Chris, Ron und die anderen Jungs die tanzwilligen Gäste. Die ersten sechs Lieder wurden, ohne Pause für Applaus, in einem Rutsch durchgespielt. Danach war der Sauerstoff knapp, die Haut verschwitzt und Sammy konnte endlich sein albernes Flanellhemd ausziehen. Von ganz alten, aber nicht ollen Kamellen bis hin zu bisher unveröffentlichten Werken war alles dabei.

Ganz neu: Harter Weg

Was beim Abschiedslied „Schenk mir eine Blume“ mit Ron los war, habe ich noch nicht herausbekommen, er hat es jedenfalls nicht mehr für dieses Lied auf die Bühne geschafft. Dafür tauchten die Einheizer-Jungs von BUSTER SHUFFLE nochmal auf, die ihr Handwerk auch sehr wohl verstehen.

Fazit: Die BROILERS bleiben meine NR. 1 der deutschsprachigen Musikkapellen und eine meiner liebsten Live-Bands.

People Like You

Posted in allgemein, Kultur, Musikalische Früherziehung with tags , , , , , , , , , on 18. Mai 2009 by tobikult

Ich habe es geschafft! Da liege ich allen Menschen, denen ich eine musikalische Ader nachsage, seit Tagen in den Ohren und nun hat sich tatsächlich noch jemand gefunden, der mit mir am 17.05.2009 nach Stuttgart ins LKA gegurkt ist. DANKE!

Gegeben wurden fünf! Bands für 20 EUR aus dem Verlagshaus „I USED TO FUCK PEOPLE LIKE YOU IN PRISON“.

Der Strich Acht hat uns sicher ins Ländle gefahren, litt aber an Hitzewallungen („am Wasser liegts nicht, ist keins drin…“). Bereits beim Einparken kamen uns die ersten Skins und Punks entgegen und ich beschloss erst einmal den Stern vom Kühler zu nehmen – ist MEINER, bleibt MEINER!

Nach dem Check-In und dem Startbier spielten Born to Lose auf. Zusammen mit den vier anderen Zuhörern haben wir eine ausgefeilte Performance in Sachen Streetpunk gehört und gesehen. Ein bisschen Greenday der alten Tage kamen da mit dem frühen Papa Roach zusammen. Klanglich und technisch waren wir überzeugt und haben uns großzügig über das in den hinteren Reihen tummelnde, fragwürdige Publikum hinweggesetzt und Beifall gezollt.

Toxpack hatten doppelt so viele Freunde bei der Zuhörerschaft wie Born to Lose. Der Frontmann wiegt aber auch locker doppelt soviel wie der vom vorherigen Chor. Für seine ca. 130 kg Kampfgewicht bewegte er sich, wie auch die gesamte Kombo, überraschend leichtfüßig übers Parkett und lieferte rundum eine solide Leistung ab.

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Nach diesem Vorgeplänkel kam die Band, die mich nach Stuttgart lockte: The Creepshow. Diese kanadische Formation hat den Floor ordentlich gefüllt und die ersten harten Jungs haben sich in Pogo-Laune gerempelt. Die Darbietung war beeindruckend, besser als nach den Clips bei YouTube und co zu erwarten war. Eine gelungene Melange aus handbetriebender Stromgitarre, Old-School-Orgel, gezupften Kontrabass und schnellen Takten, verfeinert mit schöner Frontfrau(stimme) und treffsicherem Männerchor hat mich schnell in ihren Bann gezogen. Ich glaube, ich habe eine weitere Gruppe, die ich in die heavy-rotation einbinde. Perfekte Autofahrmusik, sogar wenn man gar nicht fährt.

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Mein Faible für Bands mit weiblichem Hauptgesang wurde weiter gefestigt und Sarah „Sin“ Blackwood ist die beste Zweitbesetzung, die man sich wünschen kann. Wenn ich mal schwanger werde, will ich auch so ersetzt werden!

Es summte noch in den Ohren, da kamen auch schon die grüngeschminkten und mit Kunstblut garnierten Horrorpunks von Demented Are Go. Nach zwei Liedern sind wir erst mal frische Luft schnappen gegangen. Die Performance wies optische und akkustische Zumutungen auf. Es lag der Verdacht nah, dass der Sänger die Wartezeit nicht mit den Groupies sondern mit Johnnie, Jim und anderen Versuchungen überbrückte. So wird aus Horrorpunk schnell ein Gruselkabinett. Vor den heiligen Hallen war entsprechend viel los. Ich entdeckte eine Leuchtreklame, die die Nachwuchsprobleme der sich dort zusammengefundenen Gemeinde in großen Lettern von der Wand in die Welt strahlte und drückte auf den Auslöser.

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Wir waren lange draußen. Sehr lange. Und Demented Are Go haben auf der Bühne durchgehalten. Die Merch-Stände boten eine überschaubare Zuflucht und auch das altbekannte „sehen und gesehen werden“ wurde bald eintönig. Entweder Glatzen mit Ben Sherman Shirts und Springern in himmelblauen Jeans und hängenden Hosenträgern oder Surferboys, deren Vintage-Car-Träume nur auf einem lummeligen T-Shirt existieren. Dazwischen hin und wieder (aber irgendwie zu wenige) Urgesteine, Orginale und Stilikonen.

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Gegen 22.00 Uhr war dann alles b(e)reit für die Broilers. Punkrock aus Düsseldorf hat sowieso schon etwas, was in mir Stimmungen erzeugt, wie bei den Großeltern ein echter Besuch bei „Zum blauen Bock“. Doch diese jungen Volksmusiker haben ein Problem. Es stehen in der ersten Reihe gleich drei charismatische und dazu noch begabte Künstler: Sammy, Ron und Ines. Wie soll man sich da auf das Ganze konzentrieren oder mal die handwerkliche Leistung von Chris und Andi und dem Burschen am Sax auf sich wirken lassen?

Mit diesen sechs Animateuren führten uns die Broilers durch eine Nacht voller Schweiß, Gegröhle und Gerempel. Dabei wirken vor allem Sammy und Ines wie die Streetworker des proletarisch anmutenden Publikums. Da alle Anwesenden die Texte vorher auswendig gelernt hatten und die Künstler nicht müde wurden zum Mitmachen aufzufordern, entstand schnell das notwendige Wir-Gefühl, damit betreutes Singen, Trinken und Tanzen gelingt. Das Jugendamt und die Trachtengruppe der örtlichen Ordnungsmacht hat auf alle Fälle einen guten Grund, der ganzen Band mal Blumen zu schenken.

Nach über zwei Stunden dieser erlebnispädagogischen Gruppenarbeit entließen uns die Broilers wieder in unser schnödes Leben. Geblieben ist nicht nur die Erkenntnis, dass man auch mit Menschen, die je nach Alkoholisierungsgrad zwischen einfach-strukturiert und grobschlächtig oszillieren, einen über fünfstündigen Konzertabend prima überleben kann, sondern daß es im Punk auch Strömungen gibt, in denen das Beherrschen der eigenen Instrumente und eine geübte Sangesstimme keineswegs hinderlich wirken. Persönlich bleibt mir nach diesem Abend nach heutiger Selbstdiagnose eine latente Harthörigkeit.

Als Randnotiz soll nicht unerwähnt bleiben, dass es hübsch anzusehen war, wie hoch die Dichte der Skins und Iro-Punks war, die mit eigenem oder elterlichen Neubenz vor- und abfuhren. Das findet man so wahrscheinlich auch nur im Ländle.

Chaostage – der Film

Posted in Kultur with tags , , , , , , , on 9. Mai 2009 by tobikult

Trash-Kino in seiner schönsten Art wurde uns im Odeon in Mannheim geboten. Im außerkauften Haus stellte uns Tarek Ehlail und Team sein Werk vor. Man hätte annehmen können, dass alle Punk-Darsteller bei dieser Vorführung anwesend waren, jedenfalls war die feiernde Menge geschmückt mit bunten Haartrachten und die Anzahl von Killernieten selten so hoch in einem Kinosaal wie gestern abend.

Der Streifen ist kurzweilig, die Mischung aus belangloser Rahmenhandlung und Interviewsequenzen ausgewogen und die Musik laut genug. Unglaublich, wer da alles auf der Leinwand auftauchte: Punkgrößen (gibt es sowas überhaupt?), Sahnehäubchen deutscher Schauspielerzunft, Helge Schneider und sogar eine meiner Arbeitskolleginnen. Persönlicher kann und will ich mir einen Kinoabend gar nicht vorstellen.