Archiv für Schwimmbad Musik Club

Weltuntergänge

Posted in allgemein, Dunkle schöne Welt with tags , , , , , on 26. Dezember 2015 by tobikult

Gestern fand zum letzen Mal die Tanzveranstaltung „Schwarzes Schwimmbad“ in Heidelberg statt. Nicht, dass es an mangelnder Nachfrage gelegen hätte, nein, neue Brandschutzverordnungen haben letztendlich das Ende für den legendären Musikclub und damit auch für diese Traditionsveranstaltung der Schwarzen Szene herbeigeführt.

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Unter der fürsorglichen Leitung von DJ Jochen wurde es ein gelungenes Begräbnis, neudeutsch „Closing Party“ genannt, und die ersten 30 Minuten konnten alle das tun, was auch schon auf den Festivals zur Paradedisziplin von Gruftis gehört: Schlangestehen.

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Danach wurde aber auf allen Ebenen getanzt, bis der Morgen graute: 1. OG Schwarz-buntes Programm, EG Knicklichter-Paradies und im Keller NDH und Mittelaltergedudel. Herrlich, wie unterschiedlich die Ebenen nach ein paar Stunden am jeweiligen Geruch zu unterscheiden waren…
  
  
  


Es soll natürlich unter „Schwarzes Heidelberg“ und „Schwarzes Rhein-Neckar“ Folgeveranstaltungen an anderen Orten geben.

Es kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass 2015 ein Jahr des Abschieds von erlebnisreichen Orten war. Nach dem Häll nun also der Schimmbad Muikclub. Bereits heute beginnt die Trauerzeit für mein öffentliches Wohnzimmer: die Zwitscherstube schließt Ende Februar – auch fremdbestimmt.


In dieser Kneipe habe ich diverse Geburtstage gefeiert, die Geburt meiner Kinder begossen und jede Woche Freunde und Bekannte getroffen. Die Mischung aus ordentlicher Bier-Kultur (ja, sowas gibt es) und einer musikalischen Untermalung, die den gemeinsamen Nenner vieler Enthusiasten bildete: progessive Rock, alle Metal-Spielarten und 70er, haben diesen Ort für mich so heimelig gemacht – der Fussball war meistens schon vorbei, wenn ich die Zwitscherstube betrat.

  
Dafür entwickelte sich eine freundliche Nähe zu Wirt Artuhr und ab und zu auch zu seinen Mitarbeiterinnen. Für diese Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen mit Zapfkompetenz tut es mir noch mehr leid als um mich, werden wir doch alle auf einen Schlag Obdachlose der Abendstunden. Vielleicht treffen wir uns auf den Parkbänken rund um den nahen Wilhelmsplatz und schwärmen von den alten Zeiten, als es im Herzen der Weststadt noch einen Bierausschank gab.

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Gothic Friday im Winter

Posted in allgemein with tags , , , , , , , , , , , , , , , , on 12. Januar 2012 by tobikult

Der letzte Gothic Friday? Da will ich mit dabei sein und dieser unterhaltsamen Serie von spontis.de „Lebewohl“ sagen! In der Winterausgabe geht es um die Frage, welche gruftigen Orte und Treffpunkte die Stadt bereithält, in der ich lebe.

Ich wage also mal eine Bestandsaufnahme für die Stadt Heidelberg:

Mit seiner Altstadt, der Schlossruine und seinem Bergfriedhof bietet diese Stadt bereits ohne weiteres Eventmanagement ein Ambiente, das einem Leben in Schwarz förderlich erscheint. Als beliebtes Ausflugsziel für Gruftis kann zudem der Heiligenberg gelten. Heidenloch, Thingstätte und Klosterruine mitten im Wald und mit herrlichem Ausblick auf Stadt und Fluss – hier bekommt die Fantasie Flügel und die Kalkleiste ausreichend frische Luft.

Schwarzkompatible Massenevents:

Einmal im Jahr feiern nicht nur Mittelalterfans, Junghexen und Gruftis auf der Thingstätte die Walpurgisnacht. Mittlerweile pilgern an die 10.000 Menschen in der Nacht zm 1. Mai auf den Berg um gemeinsam zu feiern.

Eine gern von Gruftis besuchte Tanzveranstaltung ist der Ball der Vampire. Auch hier mischen sich die Schwarzen mit dem gemeinen Volk und feiern ein rauschendes Fest.

Diskos und Tanzveranstaltungen:

Viele Jahre war der Gothic Wednesday im Schwimmbad Musik Club eine feste Größe im kulturellen Miteinander der Gruftis in Heidelberg. Auf drei Etagen wurde hier alles gespielt, was irgendwie für schwarze Seelen tanzbar erschien (für Facebook-Mitglieder gibt es hier ein paar tolle Bilder aus der guten alten Zeit 1997-1998).

Das Besondere an diesem Club war zudem seine Kleinkunstbühne, die es jungen Künstlern ermöglichte, einem geneigten Publikum die eigenen Werke live zu präsentieren. Für 4 EUR Eintritt ist das Risiko hierbei bis heute angenehm niedrig, eine Totalbeleidigung für Ohren und Augen zu erleben. Das Management bewies immer wieder einen guten Riecher bei der Verpflichtung der Künstler (als legendär dürfte der Auftritt von Nirvana im Jahr 1989 gelten, bevor die auch nur annähernd populär waren). Da waren zum Beispiel Auftritte von Birthday Massacre, Terminal Choice und anderer No-Name-Bands in den letzten Jahren, die mehr oder weniger Genuss boten.
😛

Auch die Depeche-Mode-Parties im Schwimmbad Musik Club gehörten zu meinem Studentenleben einfach dazu. Damals zeichnete sich DJ Jochen noch dadurch aus, dass er es nur selten aushielt, einen Song bis zum Ende zu spielen, was ich ja total gut leiden kann…

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Heute freue ich mich stets, wenn ich ihn am Mischpult sehe, ist er doch ein Garant für eine Musikauswahl quer durch die letzten Jahrzehnte.

Die genannten Parties gibt es nicht mehr. Heute lädt der Club gelegentlich zum Schwarzen Schwimmbad ein und hat seit ein paar Monaten auch einen GOTHIC FRIDAY im Programm. Der Feitags-Event ist aber eher der Versuch, den Metallern und Rockern ein paar gut- und schwarzgekleidete Studis beizumischen, die dann und wann aus dem Keller krabbeln, um frische Luft zu schnappen.

 

Keine Schwarze Disko, aber ein Ort subkulturellen Treibens ist die Villa Nachttanz, die ich hier noch erwähnen will. Als 1999 das Autonome Zentrum in der alten Glockengießerei einem schnöden Neubauprojekt weichen musste, ging auch ein Treffpunkt für die Schwarze Szene in Heidelberg verloren. Mit der Villa Nachttanz gibt es wenigstens wieder ein festes Domizil für Jugendkultur und autonome Aktivitäten in der Stadt.

Einkaufen:
In Heidelberg gab es stets nur wenige Geschäfte, die Mode abseits der Massenware oder gar exklusiv für die Schwarze Szene anboten.  Eine Institution war das Tamaris in der Unteren Straße 2, der kompetente Dealer für Docs, Pikes und Undergrounds. Ein Hauch von Camden Town lag in der Luft und die Musik hielt Touristen fern. Im Ladenlokal gegenüber gaben sich in den 2000er-Jahren Shops für die Szene im Monatstakt die Klinke in die Hand. Vor ein paar Jahren versuchte es als letztes mir bekanntes Exemplar das Obscure, Schwarze Mode an die Laufkundschaft zu veräußern. Aber das ist Geschichte, keiner der Läden existiert heute mehr. Heute fahren alle nach Karlsruhe zum Shoppen… oder nähen doch endlich alle selbst?
😉